Ilse Theisen erinnert sich

Ilses erster Schultag, Sept. 1948
Ilses erster Schultag, Sept. 1948

Im Herbst 1948 stand ich als ABC Schütze vor dem stattlichen Schulgebäude, das alle Häuser der Umgebung überragte. Viele Jahre zuvor hatte mein Großvater, der Schreiner Blank aus der Hatlerstraße die Türen für diese Schule angefertigt.
Wir Schülerinnen sammelten uns im Hof im Süden der Schule. Dort standen zwei Linden, ein riesiger Birnbaum und ein Apfelbaum – ein wunderbarer Platz zum Spielen. Sobald es warm war, kamen wir barfuß.
Beim Läuten stellten wir uns in Reih und Glied auf und betraten das Schulhaus leise und andächtig, ganz nach der Schulordnung:
„In den Gängen, auf den Stiegen, leis gegangen, still geschwiegen.“
Die schwarz geölten Fußböden betraten wir barfuß oder mit Schuhen. Jacken oder Mäntel hängten wir in der Klasse auf.
Die Schultasche war bald ausgepackt, es gab darin nur eine Schiefertafel, an der ein Lappen und ein kleiner Schwamm hingen, sowie eine hölzerne Griffelschachtel mit zwei Griffeln. Das Lesebuch gehörte der Schule. Meine Lehrerin, Fräulein Maria Fulterer, sah vom Podium auf ihre 45 Schäfchen herunter. Es machte mir Spaß, in ihrem Auftrag im Gang eine Schüssel frisches Wasser zu holen.
Damals zählte die Schule 6 Klassen zu etwa 40, zeitweise sogar bis zu 70 Kinder.

Schulklasse mit Lehrer Denifl
Schulklasse mit Lehrer Denifl

In der 6. Klasse war die 6. – 8. Schulstufe beisammen. Wenige auch der sehr guten Schülerinnen besuchten die Hauptschule. Die heutige Abstellkammer war damals die Direktion. Der Schuldiener wohnte im Keller. Geturnt wurde ebenso im Keller, im jetzigen Werkraum. Die Ausrüstung beschränkte sich auf eine Sprossenwand, 2 Langbänke und 2 Bälle. Trotzdem freuten wir uns auf jede der seltenen Turnstunden. Schon der Weg in den Keller, vorbei an einem riesigen Kohlenhaufen und einem großen Gußofen, den der Schuldiener heizte, war ein Abenteuer. Weder Lehrerinnen noch Schülerinnen trugen eine Turnkleidung. Als das junge Fräulein Denifl 1951 im Trainingsanzug mit der Oberstufe im Hof turnte, war Herr Pfarrer Mayer über ihre Aufmachung entsetzt.Bewegung gab es auch ohne Turnen genug. Viele Mädchen hatten einen weiten Schulweg. Unsere Annelies kam von der hinteren Achmühle, Anni vom Wallenmahd, Irmgard vom Schoren, Waltraud von der Birkenwiese und die Rosl von Mühlebach. Aber den mühsamsten Weg hatte die Gretl vom Kühberg, denn da war noch keine Karrenseilbahn, und an den 6 Schultagen war nur am Mittwoch und Samstag nachmittags frei. Den Lehrpersonen begegneten wir mit großem Respekt. Dabei waren sie umgängliche Leute. Wenn sie nach der Konferrenz im Gasthaus Adler am Hatler Brunnen einkehrten, öffneten meine Geschwister und ich (wir wohnten in der Nachbarschaft) die Fenster weit, um ihrem fröhlichen Gesang, bis wir einschliefen, zu lauschen.Um das leibliche Wohl der Kinder besorgt, teilten die Lehrpersonen Lebertrankügelchen und manchmal Suppe an diese aus.In der 2. Klasse lernten wir auch mit Feder, Federhalter und Tinte zu schreiben. In jeder Schulbank waren 2 Tintengläser, die die Lehrerin bei Bedarf aus einer großen Tintenflasche füllte. Auf eine saubere Schrift wurde großer Wert gelegt. Weil ich nahe der Klassentür saß, durfte ich, wenn es Zeit war, die Schulglocke läuten. Sie konnte nur händisch in Betrieb gesetzt werden. Die sittlich religiöse Erziehung stand hoch im Kurs. Jeder Unterricht begann und endete mit dem Schulgebet. Bei der täglichen Schülermesse waren die Lehrer abwechselnd zur Aufsicht verpflichtet, auch an Sonn- und Feiertagen. An Christi Himmelfahrt und Fronleichnam rückte die Schule mit ihrer eigenen Fahne aus. Die Religionsprüfungen der SchülerInnen nahm Dekan Glatthaar höchstpersönlich ab.1952 war meine Volksschulzeit als Schülerin beendet.

 

Ilse kehrt als Lehrerin zurück

Als Lehrerin kehrte ich 1966 an die VS Leopoldstraße zurück. Schulleiter Alfred Luger teilte mir, als der jüngsten Lehrerin, eine 1.Klasse mit 49 Buben und Mädchen zu. Nebenbei lehrte ich in der 5. Klasse Mathematik und Musik und musste, als meine Kollegin erkrankte, zusätzlich am Nachmittag eine 1.Klasse mit 48 Kindern führen.
Der Schulumbau stand an. Bis dahin spazierte öfters eine Mäusefamilie aus der hinteren Ecke meiner Klasse unter die Schulbänke. Bald aber verwandelte sich das ganze Gelände und Gebäude in eine riesige Baustelle. Lautes Klopfen, Bohren und Dröhnen störten den Unterricht. Wo einst der Lehrergarten war, entstand der Turnsaal mit Duschen und WC-Anlagen, Umkleideräumen und einer darüberliegenden Schulwartwohnung. An der Ostseite des alten Gebäudes fiel das mit Asparagus gezierte Denkmal mit Namen von Gefallenen des ersten Weltkrieges dem Kompressor zum Opfer. Im Keller entstanden eine Schulküche, ein Essraum, ein neuer Heizraum und Abstellräume, im Erdgeschoss ein Konferrenz- und Lehrmittelzimmer sowie die Direktion. In jedem Stockwerk wurden 2 neue Klassenzimmer und WC-Anlagen gebaut. Schließlich wurde noch jede Klasse mit einem Waschbecken und fließendem Wasser versorgt.
Alfred Luger konnte während dieser turbulenten Zeit nichts aus der Ruhe bringen. Er wusste die Lehrpersonen schon frühmorgens zu erheitern. Kam er während des Singens in die Klasse, begleitete er das Lied spontan in der zweiten Stimme.
Im Herbst 1967 konnten die neuen Klassen endlich bezogen werden.
Unser VS Lehrer Franz Albrich wechselte als Direktor 1970 an die neu eröffnete VS Wallenmahd und mit ihm viele Schüler, die dem neuen Schulsprengel zugeteilt wurden.
1973 lief die VS Oberstufe an unserer Schule aus.
Die Schule unterlag einem ständigen Wandel. Ich lehrte bis zu meiner Pensionierung am Ende des Schuljahres 1999/2000 an dieser Schule.
Geblieben sind viele Erinnerungen.